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Venedig - Bremen 5 Länder in 14 Tagen

Nach meiner ersten Tour in diesem Frühjahr, in der ich acht Wochen mit meinem Studienfreund durch Spanien gefahren bin, wollte ich das Radreisen mal alleine ausprobieren. Ursprünglich wollte ich von Bergamo direkt nach Hause fahren. Das Wetter in den Alpen sollte jedoch noch ein paar Tage schlecht sein, so dass ich spontan beschlossen habe, mit dem Zug bis Venedig weiterzufahren. Dort wollte ich einen Urlaubstag verbringen und dann von dort losfahren.

Sa, 14.08.2010 

Bergamo – Venedig (250 km mit dem Zug)

Mit Ryanair ging es am Samstag sehr früh nach Bergamo. Der Fahrradtransport mit Ryanair war gewohnt unproblematisch. Problematisch war dagegen in Bergamo die Suche nach einer Tankstelle, weil meine kleine Miniluftpumpe zum Reifen aufpumpen eindeutig ungeeignet war. Fast alle Tankstellen sind geschlossen (und das teilweise auch in der Woche). Damit habe ich nicht gerechnet. Zum Glück ist in einer kleinen Autowerkstatt noch Betrieb, so dass ich das Luftproblem schnell lösen konnte.
In Bergamo fahre ich direkt zum Bahnhof und kaufe für ganz wenig Geld (17,80€) ein Ticket für die 250 km bis Venedig. Im strömenden Regen fahre ich durch eine triste graue Poebene und bin froh im trockenen zu sitzen. Von Maestre (kurz vor Venedig) bis zum Campingplatz in Ca Sabbioni, den ich tatsächlich ohne Karte finde, sind es knapp 20 km. Es regnet weiterhin und ich teste meine komplette Regenausrüstung. Er fällt gut aus. Zum Glück werde ich sie auf dieser Reise nur noch extrem selten benutzen. 

So, 15.08.2010

Venedig – ein paar Impressionen

 

Rialtobrücke - Canale Grande - Markusplatz mit Markusturm - Kanäle

Mo, 16.08.2010

Venedig (Maestre) – Verona (134km)

Heute geht’s nun los. Nicht wie geplant von Bergamo, sondern von Venedig. Das bedeutet etwa knapp 250 km mehr und zwei Tage weniger. Das war so nicht geplant, aber mal sehen, wie weit ich komme. Für Sightseeing ist dadurch allerdings keine große Zeit mehr, aber das war auch nicht mein Plan. Zur Verfügung steht mir für Norditalien leider nur meine 1:450.000er Straßenkarte. Zum groben navigieren ist sie zwar ausreichend, aber die schönen gemütlichen kleinen Straßen oder Radwege sind darin nicht verzeichnet. 
Bis kurz vor Verona (über Padova) kommt man relativ gut über kleinere Landstraßen mit wenig Verkehr. Vor Verona gelangt man dann auf die SR 11, eine relativ stark befahrene Bundesstraße, die sich von Venedig bis Brescia erstreckt. Ab hier macht es nicht mehr viel Spaß. Es ist laut, es stinkt und einige Autos fahren ganz schön dicht an mir vorbei. 
Die Nacht verbringe ich auf einem winzigen Campingplatz direkt an der SR 11. Starker Verkehr bis spät in die Nacht lässt einen kaum einschlafen. 

Ruhig geht es los von Venedig nach Padua.

Padua.

Schöne Landschaft hinter Padua.

Norditalienische Architektur.

Arena von Verona.

Di, 17.08.2010

Verona – Mandello (Comer See) (130km) 

Nach einer unruhigen Nacht geht es weiter Richtung Bergamo. Heute kommt die nächste Belastungsprobe in Sachen „Norditalienischer Verkehr“. Überwiegend der SR 11 weiter folgend kämpfe ich mich an den Gardasee. Die Urlaubssaison ist noch in vollem Betrieb und dementsprechend Verkehr ohne Ende. Wenigstens kann ich mit dem Rad problemlos an den zahlreichen Staus vorbeifahren. Wenn man nicht mit Staus zu kämpfen hat, kommt ein weiteres Problem hinzu. Der normalen Beschilderung folgend wird man immer wieder auf die Autobahnen geleitet. Ständig muss ich mit meinen minimalen Italienischkenntnissen nach dem richtigen Weg fragen oder selber Alternativen ausprobieren, um wieder auf fahrradtaugliche Straßen zu gelangen. Das ist auf Dauer ziemlich anstrengend, nervig und kostet Zeit. In Desenzano treffe ich endlich auf einen Radweg nach Brescia. Was für eine Erholung nach diesem ganzen Verkehrhorror. Sie wärt jedoch nicht lange, denn ich muss wohl ein Schild übersehen haben. Schließlich lande ich nach einer knappen ¾ Stunde wieder fast am Ausgangspunkt in Desenzano. Beim zweiten Versuch Desenzano zu entfliehen, fahre ich sicherheitshalber wieder Bundesstrasse und komme so in den Genuss durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel zu fahren. Das hatte auch was für sich.
15 km vor Brescia treffe ich wieder auf den Radweg und kann wenigstens die letzten Kilometer in Ruhe fahren. Man muss jedoch aufpassen, denn die Beschilderung ist teilweise nicht richtig eindeutig. Mehrmals muss ich ein Stück zurückfahren, um zu checken, dass ich nichts übersehen habe. Um 4 erreiche ich dann ziemlich entnervt Brescia. Zwischen Brescia und Bergamo zeigt meine Karte kaum Alternativen zum Radfahren. Um weiteren Stress zu vermeiden steige ich kurzerhand in den Zug und lege die restlichen 50 km bis Bergamo entspannt auf der Schiene zurück. 
Eine Stunde später erreicht der Zug Bergamo und ich nutze die restliche Zeit um weiter Richtung Comer See zufahren. Ab hier gibt es keine Autobahn mehr und der Verkehr ist deutlich angenehmer. So rolle ich am späten Nachmittag entspannt weiter Richtung Alpen. Gegen viertel vor 8 erreiche ich Mandello am Südrand des Comer See und bekomme noch ein winziges Plätzchen auf einem überfüllten Campingplatz. Leider ist es hier nicht minder laut als an meinem Schnellstraßencampingplatz. Ich hoffe morgen in den Bergen endlich meine ersehnte Ruhe zu finden.

Starker Straßenverkehr auf der SR 11 zwischen Verona und Gardasee.

Am Gardasee.

Endlich mal einen schönen Radweg gefunden.

Wegweiser nach Brescia. Leider fehlten an entscheidenden Stellen die Wegweiser.

Den Radweg mal wieder verloren, dafür 1,5 km durch den dunklen Tunnel.

Es geht Richtung Alpen. Kurz vorm Comer See.

Mi, 18.08.2010

Mandelo – Malojapass (92km) 

Es geht weiter den Comer See entlang nach Chiavenna. Die Fahrradfahrer werden hier deutlich zahlreicher. Die meisten sehen mich mit meinem vielen Gepäck jedoch ziemlich entgeistert an. Scheint wohl eher die Ausnahme zu sein, dass hier in den Bergen schwerbepackte alleinreisende Radlerinnen vorbeikommen. 
In Chiavenna biege ich ab Richtung Malojapass / St. Moritz. Nun beginnt der sportliche Teil. Die Steigungen sind bereits im unteren Teil nicht ohne und ich muss mich ganz gut quälen. Direkt hinter der Schweizer Grenze kommt ein kurzes Stück, welches ich sogar schieben muss. Ein unbepacktes Rennrad wäre mir jetzt lieber, aber irgendwie geht es. Bis auf 1400 m komme ich an diesem Tag. Bei dichter werdenden Wolken und kurzem leichtem Nieselregen suche ich mir ein schönes Plätzchen auf einer Bergwiese, direkt neben der Straße. Endlich meine langersehnte Ruhe. Es ist wunderbar friedlich und ein kleiner Bach verhindert, dass ich mir andere Geräusche einbilden kann. Es ist meine schließlich meine erste Nacht alleine in der „Wildnis“.

Am Comer See.

Pause am Radweg nach Chiavenna.

Schönes Bergpanorama.

Abzweig nach Sankt Moritz und zum Malojapass.

Eine Menge Gepäck möchte über die Berge transportiert werden. Doch zuviel Gepäck?

Stetig bergan geht es Richtung Sankt Moritz.

Mein erster wilder Zeltplatz abseits der Straße.

Do, 19.08.2010

Malojapass – Filisur (72km)

Ich konnte trotz Bach schlecht einschlafen, und dafür habe ich dann auch verschlafen. Aber die dunklen Wolken sind weg, der Himmel ist blau und die Sonne scheint. Die ersten Radfahrer sind längst unterwegs und ich mache mich dann auch mit Verspätung auf den Weg Richtung Pass. Nach einer ¾ Stunde erreiche ich die letzten Serpentinen des Malojapass. Allerdings ist das letzte Stück sehr steil und ich muss ein gutes Stück schieben. Oben angekommen wird es wieder einfach. Die nächsten 30 Kilometer gehen mehr oder weniger flach an St. Moritz vorbei bis Samedan. Ein ordentlicher Rückenwind erlaubt Geschwindigkeiten bis zu 30 km/h auf einer super asphaltieren Straße. In Samedan mache ich Mittagspause und sehe den wenigen Segelfliegern beim Hangfliegen zu. 
Als nächstes folgt der Höhepunkt meiner Alpenüberquerung: der Albulapass. Allerdings ein sehr mühsamer Höhepunkt. Auf 9 Kilometern müssen von La Punt bis zum Albula-Hospiz über 600 Höhenmeter erklommen werden. Auch hier muss ich mit meinem vielen Gepäck resignieren und schiebe einen großen Teil des Anstieges. Wenigstens beruhigt mich das Tempo der meisten Rennradfahrer, die mich überholen. Schneller als 7 – 9 km/h fährt kaum einer den Pass hoch. Ohne Gepäck hätte ich das sicherlich auch geschafft. Die letzten zwei Kilometer sind die angenehmsten und nach 1:45 erreiche auch ich den Albulapass. Trotz schieben bin ich ein bisschen Stolz mit meinem schweren Rad hier oben angekommen zu sein. Nach einer kurzen Rast kommt dann endlich der angenehme Teil; die Abfahrt nach Filisur. Immer wieder muss man anhalten, um der rhätischen Bahn zuzusehen, die sich in einer spektakulären Streckenführung über 1000 Höhenmeter runter bis nach Tiefencastell windet. 
Mein Etappe endet bereits in Filisur. Ich entdecke dort einen schönen gemütlichen Campingplatz und nach den anstrengenden Anstiegen steht mir nun der Sinn nach Ruhe, Entspannung und etwas Wäsche könnte auch mal gewaschen werden

Die letzten Serpentinen des Malojapass.

Oben angekommen!

Oben ist es wieder flach.

Abzweig zum Albulapass.

Das Hospiz markiert das Ende des Anstieges.

Man ist nicht alleine hier oben.

Endlich geschafft! Das langersehnte Passfoto.

Es folgt eine Abfahrt von 1000 Höhenmetern.

Zusammen mit der Rhätischen Eisenbahn.

Erholung in Filisur.

Fr, 20.08.2010

Filisur – Rheinufer nähe Meiningen (107 km) 

Den eigentlich geplanten Lenzerheidepass habe ich ausgelassen. Meine Beine waren zu müde und deshalb hab ich mich für den einfacheren Umweg über das Hinterrheintal entschieden. 
In Thusis treffe ich auf den Schweizer Radweg Nr. 6, dem ich bis Chur folge. Dort bin ich mit meinem Bruder verabredet, der auch die Tage mit seinem Rennrad hier unterwegs war und nun auf dem Nachhauseweg war. Nach dieser schönen familiären Begegnung geht es weiter Richtung Heimat. Während mein Bruder sicherlich nur wenige Stunden brauchen wird, werde ich noch ein wenig länger auf dem Rad unterwegs sein. Mein nächstes Ziel ist das kleine Fürstentum Liechtenstein. Vorher muss noch ein kleiner Anstieg über sonnige Weinberge bewältigt werden und schon ist man in einem der kleinsten Länder Europas angelangt. Keine 2 Stunden dauert die Nord-Süd Durchquerung. Aber damit nicht genug. Ich möchte heute noch das 4. Land meiner Reise erreichen. Dem Rhein folgend fahre ich bis kurz vor Meinigen in Österreich. Direkt am Rheinradweg mit einem spektakulären Blick auf Rhein und Berge stelle ich mein Zelt auf. 

Auf schönen Nebenstrecken geht es Richtung Chur.

In Chur treffe ich meinen Bruder, der mit dem Rennrad in den Alpen unterwegs war.

Vor Liechtenstein geht es durch Weinberge nochmals bergauf.

Im kleinsten Land der Tour. 

Und kurz darauf im vierten Land.

Zeltplatz direkt am Rheinufer.

Sa, 21.08.2010

Meiningen – Hilzingen (120 km)

Die letzte alpine Bergetappe steht an. In Deutschland möchte ich den Bodensee-Schwarzwald-Heidelberg Radweg fahren, der in Radolfzell an der Westecke des Bodensees beginnt. Ich habe jedoch keine Lust unten am Bodensee zu fahren, sondern möchte lieber durch das Appenzeller Land bei St. Gallen fahren. Zwischen Altstätten und St. Gallen liegt der Ruppenpass, der auf etwa 1000m Höhe liegt. Dieser Pass gefällt mir von allen Pässen am besten, da er eine angenehme gleichmäßige, nicht zu steile Steigung hat. Diesen Pass kann ich endlich in einem durchfahren. Dabei hat man einen wunderschönen Blick auf die Rheintalebene. Der Pass selber ist total unspektakulär. Ein Schild oder eine tolle Aussicht gibt es am Pass selber nicht. Der weitere Teil bis St. Gallen ist jedoch sehr schön. Immer etwas auf und ab durch kleine gemütliche Bergdörfer. Idylle pur. 
Über Amrisswill geht es an dutzenden wohlriechenden Apfelplantagen vorbei weiter bis Konstanz. Bei über 30°C genieße ich kurz den Blick auf den mit Booten überfüllten Bodensee. 
Weiter geht es nach Radolfzell, wo der B-S-H-Radweg startet. Diesem folge ich noch ein Stück bis ich den Segelflugplatz in Hilzingen erreiche. 
Als Segelflieger(in) hat man das große Glück, dass man nahezu jeden Segelflugplatz der Welt anfahren kann, und innerhalb weniger Minuten wird man sich dort wie zu Hause fühlen. So auch in Hilzingen. Es ist Samstagabend, die Segelflieger sitzen gerade gemütlich beim Bier und lassen den Tag ausklingen. Dazu gibt es zufälligerweise gerade Abendessen und ich bin sofort eingeladen. Ich darf die Nacht oben im Vereinsheim übernachten und werde am nächsten Morgen auch noch zum Frühstück eingeladen. 

Vom Rheintal hoch ins Appenzeller Land. Davor wartet der Ruppenpass.

Oben im Appenzeller Land.

Mit schöner Aussicht Richtung Bodensee.

Welliges Gelände, kein Verkehr und eine schöne Landschaft.

Abfahrt zum Bodensee.

Konstanz am Bodensee.

So, 22.08.2010

Hilzingen – Irslingen (bei Rottweil) (91 km)

Der einzige Nachteil bei den Segelfliegern liegt darin, dass man erst spät ins Bett kommt und am nächsten Morgen nicht pünktlich weiterkommt, aber das nimmt man gerne in Kauf.
Erst halb 12 sitze ich wieder auf dem Rad und folge nun weiter dem B-S-H-Radweg. Dieser Fahrradweg ist übrigens sehr gut ausgeschildert und führt fast ausschließlich über kaum genutzte asphaltierte Nebenstrecken. Das Wetter ist weithin perfekt und bei Temperaturen über 30°C geht es aus der Bodenseeebene wieder bergauf auf die Hügel des östlichen Schwarzwaldrandes. Der Weg ist wunderschön und es geht vorbei an unzähligen Feldern auf denen gerade die Heuernte stattfindet. Doch trotz der Schönheit hat der Radweg einen erheblichen Nachteil für mich. Er macht so viele Umwege, dass ich das Gefühl habe nicht vom Fleck zu kommen. Für jeden Kilometer den ich nach Norden fahre muss ich geschätzt einen Umwegkilometer drauflegen. Wäre ich nicht nach Venedig gefahren, hätte ich dafür die Zeit gehabt aber nun kann ich mir zu viele Umwege nicht mehr leisten. 

Auf dem Segelflugplatz in Hilzingen. 

Der Bodensee-Schwarzwald-Heidelberg Radweg.

Der BSH Radweg verläuft fast durchgehend auf verkehrsarmen Nebenstrecken. 

Am Rande des östlichen Schwarzwaldes.

Schöne Cumulanten. Die Segelflieger werden sich freuen.

Es zieht ein wenig zu am Abend.

Zeltplatz am Rande eines Bauernhofes direkt am Radweg.

Mo, 23.08.2010

Irslingen – Horb (am Neckar) (39 km)

Dieser Tag wird nicht schön. Ich muss gestern was Falsches gegessen haben. Bereits in der Nacht wache ich mit Bauchschmerzen auf. Es geht mir überhaupt nicht gut und ich habe Krämpfe im Bauch. Dazu regnet es morgens auch noch.
Es hilft nichts, ich muss irgendwie weiter. Zum Glück hört der Regen vormittags auf und ich mache mich auf den Weg. Steigungen sind heute nicht mehr möglich und so verlasse ich den Radweg und fahre direkt runter nach Oberndorf am Neckar zur Bundesstrasse 14. Knappe 40 Kilometer quäle ich mich den Neckar entlang bis Horb. Nix geht. Ich habe null Kraft und mir geht es hundeelend, Fieber kommt dazu. In Horb nehme ich mir ein Zimmer und geh sofort ins Bett. Mit Mühe kriege ich abends eine heiße Flädesuppe runter. Jetzt krank sein, hat mir gerade noch gefehlt.

Zu krank zum fahren.

Di, 24.08.2010

Horb – Hilsbach (bei Sinsheim) (123 km)

Das Fieber ist weg. Ich habe zwar weiterhin keinen Hunger, aber ich fühle mich etwas besser. Gegen 10 mache ich mich weiter auf den Weg. Der Bauch zwickt zwar noch ab und an und ich esse zu wenig, aber ich komme (dank Fluss und Rückenwind) wieder ziemlich weit. Von Horb geht es zunächst ein Stück (schiebend) bergauf bis Nagold. Danach geht es der B 463 folgend leicht bergab entlang dem Fluss Nagold bis nach Pforzheim. Die Strecke ist ziemlich unspektakulär, weil der Fluss (wie auch der Neckar zuvor) durchgehend links und rechts von Hügeln eingerahmt wird. Hinter Pforzheim gelange ich ins Kraichtal. Eine sanfte Hügellandschaft nördlich des Schwarzwaldes, bei der man endlich wieder ein paar Meter sehen kann. Da lernt man die freie Sicht der Norddeutschen Tiefebene wieder zu schätzen. Diese schmalen Flusstäler sind mir eindeutig zu beengend. 
In Hilsbach kurz vor Sinsheim lande ich am späten Abend auf einem FKK-Campingplatz. Ich darf jedoch meine Sachen anbehalten ;-) Ich kann mittlerweile wieder essen und gehe früh ins Bett.

Das Wetter wird schlechter. Glücklicherweise wird es heute nur kurz regnen.

Regenschauer sorgen für Pausen.

Zwischendurch klart es immer wieder auf.

Abendstimmung.

Zelten auf dem FKK Zeltplatz ins Hilsbach.

Mi, 25.08.2010

Hilsbach – Karben (hinter Frankfurt) (157 km)

Heute werde ich den Streckenrekord dieser Tour aufstellen. 157 km mit 9 Stunden Fahrzeit von Hilsbach bis Karben hinter Frankfurt. Kurz vor Heidelberg treffe ich wieder auf den Neckar, dem ich aber nur ein kurzes Stück folge. Eigentlich fängt hier in der Nähe (Hirschhorn) der Hessische Radweg R4 an, den ich ursprünglich fahren wollte. Aber mittlerweile habe ich keine Lust und Energie mehr auf Berge und der Radweg würde direkt über den Odenwald führen. Daher entschließe ich mich direkt am westlichen Odenwaldrand im Rheintal der B3 bis Frankfurt zu folgen. Wirklich spannend ist die Strecke nicht und so langsam fange ich doch an zu zweifeln, ob ich es bis Sonntag nach Hause schaffen kann. Zwischenzeitlich überlege ich sogar ein Stück (bis zur Fulda) mit dem Zug zu fahren. Ich entschließe mich dazu, einfach erstmal weiterzufahren und zu sehen wie weit ich heute komme. Und Wind und Wetter sorgen für eine weite Strecke heute. Am späten Nachmittag erreiche ich bereits Frankfurt, welches ich sehr schnell und einfach durchfahren kann. 
Etwas später treffe ich auf den Nidda-Radweg, dem ich noch ein gutes Stück bis Karben folge. Hinter Karben suche ich mir direkt am Nidda-Radweg einen etwas abgelegenen Zeltplatz. 

Das Wetter hat sich wieder beruhigt.

In Heidelberg endet der BSH Radweg. Statt dem Hessischen Radweg R4 durch den Odenwald wähle ich die schnellere Bundesstraße im Rheintal Richtung Frankfurt.

Bundesstraßen sind nicht so schön zum radeln, aber man kommt zügig voran.

Durchfahrt durch Frankfurt mit kurzem Blick auf die Skyline.

Endlich wieder Natur am Niddaradweg.

Do, 26.08.2010

Karben – Bad Zwesten (151 km)

Die letzte große Hürde der Tour steht an. Der Vogelsberg, der zur deutschen Wasserscheide gehört. Mit Rückenwind und Sonne geht es entspannt auf die ersten Kilometer entlang der Nidda. Hinter dem Ort Nidda geht es dann langsam bergauf bis Schotten und dann steiler weiter bis Ulrichstein. Über 500 Höhenmeter müssen nochmals überwunden werden. 
Bis Schotten geht es ganz gut, danach muss ich ab und an wieder schieben. Das Wetter macht heute Probleme. Es ist zu kalt für das Trikot und zu warm für die (nicht atmungsaktive!) Softshelljacke. Ich trage lieber zuviel als zuwenig, was zur Folge hat, dass man bei jedem Anstieg nach kurzer Zeit durchgeschwitzt ist. Mindestens dreimal muss ich heute Hemd und Trikot wechseln. 
In Ulrichstein angekommen mache ich den ersten und einzigen Navigationsfehler dieser Tour. Statt direkt nach Alsfeld nach Norden abzufahren, erwische ich eine Straße Richtung Nordwesten und lande viel zu weit westlich von meiner Route. Über unzählige kleine fiese Hügel muss ich mich nun auf der B3 bis Alsfeld kämpfen. Über eine Stunde hat mich diese Fehlentscheidung bestimmt gekostet. Meine Laune ist im Keller. Von Alsfeld geht es weiter bis Schwalmstadt. Auch hier erwische ich die „hügelige“ Straße. Ich bin mittlerweile sowieso schon sehr beeindruckt, aus wie vielen Bergen und Hügeln Deutschland besteht. Als Autofahrer interessiert das einen nicht, aber als Fahrradfahrer kann man daran fast verzweifeln. 

Hoch geht es zum Vogelsberg.

Das war die letzte Hürde meiner Tour. Von der Wasserscheide zwischen Rhein und Weser geht es nun überwiegend bergab.

Irgendwo in Hessen. Wetter hält.

Auf dem Campingplatz in Bad Zwesten. Gut, dass ich in der Hütte mein Zelt aufgestellt habe.

Fr. 27.08.2010

Bad Zwesten – Bad Karlshafen (Weser) 132 km

Am nächsten Morgen wie angekündigt starker Regen. Mein Zelt habe ich gestern vorsichtshalber auf dem Campingplatz unter einem geschützten Holzunterstand aufgebaut, so dass ich im trockenen mein Zelt abbauen kann. Um 10 regnet es immer noch und nach Angabe des Platzwartes soll es nicht besser werden. Ich muss aber weiter und der Wart schenkt mir noch einen Regenschirm und ich mache mich auf den Weg. Auf wundersame Weise hört kurze Zeit später der Regen doch auf. Die Sonne kommt raus, es wird warm und es bleibt den restlichen Tag fast durchgehend trocken. Warum ich soviel Glück mit dem Wetter habe, weiß ich nicht. Zufrieden fahre ich weiter entlang der Schwalm, die ihren Ursprung am Vogelsberg hat. Bei Guxhagen vor Kassel folgt noch ein kleiner Anstieg bevor es dann direkt an der Fulda weitergeht. Ab hier wird nun alles gut. Der Radweg verläuft direkt am Fluss und Berge stehen ab jetzt nicht mehr auf dem Programm. Zwischen Kassel und Hannoversch Münden entdecke ich am Flussrand das Niedersachsenross. Ein erster Willkommensgruß aus der Heimat. Ich freue mich.
Am Nachmittag erreiche ich Hannoversch Münden und habe endlich die Weser erreicht. Bin quasi fast zu Hause. Noch 40 Kilometer fahre ich bis Bad Karlshafen. Dann wird das Wetter wieder schlecht und es fängt an zu regnen. Zelten ist jetzt unmöglich und so gönne ich mir in einer hübschen Pension ein Zimmer mit einer heißen Dusche.

Tief hängende Wolken am morgen, aber es bleibt wundersamerweise bis zum Abend trocken.

Richtung Kassel klart es auch wieder auf.

Die Straßen und Wege sind trotzdem nass und matschig.

Das Niedersachsenross an der Fulda. Ab jetzt nur noch am Fluss entlang.

"Wo Werra sich und Fulda küssen..." In Hannoversch Münden entsteht aus Werra und Fulda die Weser.

Zum Abend zieht es wieder stark zu und der starke Regen zwingt mich, ein Zimmer zu nehmen. Was für ein Luxus.

Sa, 28.08.2010

Bad Karlshafen – Petershagen (146 km)

So ein Bett ist doch wirklich ein Luxus. Ich habe super geschlafen. Das Wetter ist wieder gut und bevor es losgeht, esse ich mich an einem riesigen leckeren Frühstücksbuffett satt (für 2 Euro!). Die Navigation ist ab jetzt kinderleicht. Einfach immer dem Weserradweg folgen. Und hier sind übrigens auch die ganzen anderen Tourenfahrer, die ich auf der gesamten Tour kaum zu sehen bekommen habe. Sie sind alle hier am Weserradweg und bevölkern die Campingplätze, Biergärten, Pensionen usw. Ich störe mich daran nicht und fahre weiter Richtung Heimat. Eine Weserschleife nach der anderen. Über Höxter geht es bis Holzminden nach Hameln und weiter bis Rinteln. Hier kämpfe ich übrigens zum ersten Mal auf der gesamten Tour mit Gegenwind. Und nicht nur der Wind, sondern auch meine Beine machen sich jetzt deutlich bemerkbar. Die vielen Kilometer fordern immer stärker ihren Tribut und es fängt an weh zu tun. Ich kann daher nicht mehr schnell fahren und teilweise schleiche ich nur noch. Aber so kurz vor dem Ziel will ich nicht aufgeben. Es geht irgendwie und am späten Nachmittag bin ich bereits kurz vor Rinteln. Dort verlasse ich die Weser für eine Weile und nehme eine Abkürzung über das Wiehengebirge. Gerade mal 100 Höhenmeter sind nötig und schon erreiche ich die Norddeutsche Tiefebene. Über Bückeburg geht es bis Petershagen, wo ich von guten Bekannten in letzter Sekunde den Haustürschlüssel in die Hand gedrückt bekomme. Während draußen in der Nacht die Welt untergeht, habe ich wieder ein warmes Haus mit Bett und Dusche und Kühlschrank um mich rum. Wie schön.

Am Weserradweg.

Weserfähre bei Polle.

Weserradweg.

Weserradweg kurz vor Hameln.

Blick vom Wiehengebirge Richtung Rinteln.

Es wurde spät heute...

Mittellandkanal mit der Porta Westfalica im Hintergrund.

So, 29.08.2010

Petershagen – Bremen (133 km)

Endspurt!
Die letzten 130 Kilometer liegen an. Es schüttet draußen und es ist deutlich kühler geworden. Um kurz nach 8 hört der Regen wie gewohnt auf und es lockert langsam auf. Immer links der Weser bleibend, fahre ich an Nienburg und Verden vorbei. Am frühen Nachmittag überquere ich in Langwedel die Weser und folge nun die letzten Meter dem Weserradweg bis Bremen. Ein paar Regenschauer versuchen mich aufzuhalten, aber sie dauern nie lange. Irgendwann kommt der markante weiße SWB-Turm am Weserwehr in Sicht. Auf den letzten Kilometern überkommt mich dann ein unglaubliches Glücksgefühl. Erst jetzt beginne ich zu realisieren, was ich hier gerade eben geleistet habe und ich bin unsagbar glücklich und stolz auf meine Leistung. Voller Stolz fahre ich mit „Requiem on a dream“ auf den Ohren auf dem Bremer Marktplatz ein und beende die Tour auf dem Bremer Rathausplatz. Na ja fast. Ich muss ja noch 15 km bis Delmenhorst, aber das Foto vor dem Roland war Pflicht.

Die Straßen sind noch nass am morgen. Aber endlich mal typisch norddeutsches Wetter, zum Glück mit Rückenwind.

Auch in der Norddeutschen Tiefebene kann man mal etwas weiter gucken. Hier kurz vor Nienburg.

Und endlich sieht es heimatlich aus. Grüne Wiesen und Kühe. 

Auch am letzten Tag spielt das Wetter mit. Das war absolut nicht selbstverständlich, den um mich rum war das Wetter oftmals deutlich schlechter. Ich hatte wohl irgendwie viel Glück.

Hier fehlt eindeutig das Venedig Schild. Fast 1600 km habe ich mittlerweile im Sattel gesessen.

Die Weser in der Nähe von Achim.

Endlich! Der SWB Turm von Bremen (Hemelingen). Ich habe es fast geschafft. So langsam kommt der Stolz durch. Unglaublich. Meine erste Soloradtour und dann so eine lange Strecke. Das realisiert man auch erst wenn man kurz vor dem Ziel ist.

Und bevor es auf die letzten Kilometer nach Hause in Delmenhorst geht. Hier das obligatorische Ankunftsfoto vor dem Bremer Roland. Ich musste mich erstmal auf eine Bank vorm Rathaus setzen und alles sacken lassen. Schön war es!! Aber auch sehr anstrengend, aber das ist nun vergessen. 

Nachtrag: 
Ich bin „mal eben“ von Venedig nach Hause gefahren. 1605 Kilometer in 14 Tagen mit knapp 8000 Höhenmetern. Dazu etwa (je nach Wasser- und Lebensmittelvorrat) 25 bis 30 kg Gepäck. Fast 100 Stunden habe ich im Sattel gesessen. Ein Dank an Herrn Teichreber, der mir einen perfekten Sattel verkauft hat. 
Ich bin fast jeden Tag über 100 km gefahren, ohne einen einzigen Tag Pause. Es war von den Anstrengungen grenzwertig und viel länger hätte ich wahrscheinlich auch nicht durchgehalten. Aber ich habe mein Ziel pünktlich erreicht, was ich zeitweise nicht geglaubt habe und bin stolz darauf, durchgehalten zu haben.
Alles in allem war es eine wirklich schöne, aber auch sehr anstrengende Tour. Beim nächsten Mal werde ich definitiv wieder etwas entspannter fahren, mit weniger Kilometern und mehr angucken. Aber ich wollte mal testen, ob es auch so funktioniert, und ja: Es geht.

Ich bin die Strecke nur nach Karte gefahren. Die Strecke auf GPsies habe ich nachgezeichnet, entspricht aber sicher nicht 100%ig den genau gefahreren Straßen. Soll lediglich als Orientierung dienen.

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Kommentare: 9
  • #1

    Markus (Sonntag, 06 Januar 2019 19:54)

    Hi Karin, toller Bericht, tolle Leistung! Jetzt habe ich noch mehr Fernweh bekommen. Der Bericht liest sich sehr gut und macht Lust auf mehr Rad reisen.

    Markus

  • #2

    Pippin (Sonntag, 06 Januar 2019 20:32)

    Wow, ich bin beeindruckt. Von deiner Leistung und auch von der interessanten Beschreibung der Strecke! Top!

  • #3

    Michael John (Montag, 07 Januar 2019 05:30)

    Danke, es war ein sehr schöner Bericht und tolle Bilder �

  • #4

    Kai (Montag, 07 Januar 2019 17:30)

    Danke für den schönen Bericht – und krasse Leistung :)

  • #5

    Daniel (Montag, 07 Januar 2019 19:29)

    Danke für den super Reisebericht. Hab schon fast beim lesen geschwitzt. Vieleicht ist es besser, man weiß nicht was auf einen zukommt, sonst würde man es nicht durchführen. Du hast keine Chance, aber nutze sie.

  • #6

    Frank Friedrich (Donnerstag, 17 Januar 2019 20:08)

    Hallo Karin,
    schöner Bericht mit tollen Fotos!
    Man fühlt sich als ob es gleich wieder los geht..
    Ab auf's Rad und Kilometer geschruppt.
    S.G.aus Görlitz.

  • #7

    Theresia (Sonntag, 07 April 2019 19:32)

    Super - tolle Leistung!
    Sehr guter Bericht!

  • #8

    Ulli Salzmann (Sonntag, 07 April 2019 21:50)

    Respekt :-) und Dankeschön für den Bericht und die Bilder. Mach einfach so weiter!

  • #9

    Paul Sonn (Montag, 08 April 2019 09:55)

    sehr schöner Bericht, tolle Leistung... weiterhin viel Spaß bei deinen Touren...vielleicht interessiert meine Seite, www.paulsbuecher.de, wo u.a. ein Buch von mir vorgestellt wird über div. Alpentouren....